
beste hira
Beste Hira ist eine jener Künstlerinnen, bei denen man schnell spürt, dass Musik für sie mehr ist als bloß Klang, Struktur oder Performance. Ihre Musik ist Ausdruck eines tief verankerten Verständnisses für Rhythmus, Harmonie und Atmosphäre. Diese Eigenschaften speisen sich nicht nur aus Leidenschaft, sondern auch aus fundierter Ausbildung und musikalischer Prägung. In der Türkei, Istanbul geboren und aufgewachsen, fand sie früh Zugang zu Musik, die in ihrer Familie nicht als Hintergrundrauschen, sondern als erzählerisches Medium verstanden wurde.
Ihre Ausbildung an der Ondokuz Mayıs University, wo sie Musikpädagogik mit Schwerpunkt auf klassischen Instrumenten wie Cello und Klavier studierte, prägte ihre Beziehung zu Klang nachhaltig. Dieses Fundament unterscheidet sie von vielen anderen DJs und Produzenten. Bei Beste Hira schwingt eine formale Präzision mit, ein Gespür für Tonfarbe und Dynamik, das man hört, ohne dass es sich vordrängt.
Als sie 2019 in die Niederlande zog, war dies mehr als ein geografischer Schritt – es war der bewusste Eintritt in eine Szene, die sie künstlerisch fordern und fördern konnte. Amsterdam bot ihr die Offenheit, die sie in der türkischen Clubszene nur bedingt gefunden hatte: Räume für experimentellen Techno und den Austausch mit Produzenten, für die Klang keine Formel, sondern eine Sprache ist. Hier begann sich ihr Sound zu formen: hypnotisch, schnell und dunkel, aber stets mit einem inneren Kompass, der auf musikalische Tiefe statt auf bloße Härte zielt.
Ihre ersten Veröffentlichungen zeigen eine klare Entwicklung. Mit der 2020 erschienenen EP „Bordo” legte sie den Grundstein für ein Klangverständnis, das technoide Strukturen mit klassischer Sensibilität verbindet. In Tracks wie diesen ist zu hören, dass sie Musik nicht nur spielt, sondern komponiert – mit einer Intuition, die aus Erfahrung wächst. Die Nachfolge-EP „COS“ brachte 2021 eine deutliche Erweiterung ihres Klangspektrums: experimenteller, komplexer in der Rhythmik und offener im Sounddesign. 2022 schließlich erschien die „Growlin’ EP“, die ihr Standing innerhalb der europäischen Underground-Szene weiter festigte. Hier wirken die Produktionen selbstbewusster, dichter und zugleich präziser – wie ein Destillat ihrer bisherigen Entwicklung.
Doch Beste Hira ist keine Künstlerin, die sich allein über Releases definiert. Ihr eigentliches Ausdrucksfeld bleibt die Bühne, der Club und die unmittelbare Resonanz des Publikums. Auftritte in internationalen Institutionen wie dem Berghain, Hör Berlin oder bei Vault Sessions, Awakenings, De School und Amsterdam Open Air zeigen, dass sie in kurzer Zeit in jene Liga aufgestiegen ist, in der Soundästhetik und Haltung wichtiger sind als Image oder Trends. Ihre Sets sind dramaturgisch aufgebaut, nie linear, sondern in drei klaren Phasen konzipiert: Einführung, Entwicklung und Auflösung. Diese Struktur spiegelt ihr kompositorisches Denken wider, das aus der klassischen Musik stammt, aber in den Kontext von Techno übersetzt wird.
Stilistisch bewegt sich Beste Hira an den Rändern verschiedener elektronischer Strömungen. Ihr Techno ist dunkel, treibend und hypnotisch, ohne in Monotonie zu verfallen. Sie nutzt minimale Patterns, um Spannung aufzubauen, integriert subtile Dub-Elemente und arbeitet mit atmosphärischen Flächen sowie gelegentlichen, beinahe organischen Breaks. Manchmal bricht eine kaum wahrnehmbare, aber emotional aufgeladene melodische Phrase hervor. Diese Balance zwischen Struktur und Instinkt macht ihren Sound unverwechselbar. Ihr klassisches Wissen um Harmonie und Kontrapunkt wirkt dabei nicht akademisch, sondern intuitiv – wie eine tief verinnerlichte Sprache, die ihren Produktionen eine besondere Geschlossenheit verleiht.
Auch bei der Wahl ihrer Labels und Zusammenarbeiten zeigt sich ihr feines Gespür für Authentizität. Anstatt nach großen Namen zu streben, arbeitet sie mit unabhängigen Plattformen wie Schimmer Records, die in der Szene für Qualität und künstlerische Freiheit stehen. Ihre Kooperationen entstehen organisch, oft aus gemeinsamen Veranstaltungen oder Studio-Residenzen heraus. Dabei bleibt sie einer Linie treu: Sie sucht Begegnungen, keine Features. Ihr Bruder, der im Bereich Sound Engineering tätig ist, unterstützt sie gelegentlich technisch, wodurch ihre Musikproduktion professionalisiert wird, ohne dass sie dabei glatt wird.
In ihrer künstlerischen Haltung vereint Beste Hira das, was viele in der elektronischen Musik suchen: eine Verbindung von akademischer Musikalität und emotionaler Direktheit. Ihre Musik ist körperlich erfahrbar, aber nie eindimensional. Sie zielt auf Bewegung, aber auch auf Bewusstsein ab. Diese Dualität – Intellekt und Instinkt, Struktur und Freiheit – ist ihr Markenzeichen. Dass sie dabei keine stilistischen Grenzen fürchtet, zeigt sich in ihrem Umgang mit Genres: Techno bildet den Kern, doch Einflüsse aus Minimal, Dub und experimenteller Elektronik finden ebenso Raum wie zarte Hinweise auf melodische oder gar orchestrale Strukturen.
Was ihre künstlerische Zukunft betrifft, lässt sich nur erahnen, wohin die Reise führt. Denkbar wäre eine stärkere Hinwendung zur Live-Musik, eventuell mit Elementen aus ihrer klassischen Vergangenheit. Auch ein vollwertiges Album wäre ein logischer Schritt, um ihre ästhetische Sprache weiter zu vertiefen. Bislang bevorzugt sie das Format der EP: konzentriert, präzise und auf Wirkung ausgerichtet. Doch egal, welche Richtung sie wählt: Beste Hira bleibt eine Künstlerin, die Musik denkt, formt und mit Bedeutung füllt.
Sie steht für eine Generation elektronischer DJanes, die Technik und Emotion nicht trennen, sondern verweben. Ihre Sets sind Reisen durch Klangräume, ihre Produktionen sind zugleich Ausdruck von Präzision und Gefühl. In einer Szene, die oft auf Wiedererkennung und Effekt setzt, ist Beste Hira eine Ausnahmeerscheinung – jemand, der Tiefe sucht, ohne die Tanzfläche aus den Augen zu verlieren. Wer ihr zuhört, hört nicht nur Techno, sondern auch eine Geschichte: von Herkunft, Mut, Ausbildung und der Kunst, aus Klang Identität zu formen.






