
ANNA
Es gibt Künstler, deren Musik nicht einfach erklingt, sondern vibriert – tief unter der Haut, manchmal im Zwerchfell, manchmal im Dazwischen. DJ ANNA, mit bürgerlichem Namen Ana Miranda, geboren am 16. Februar 1985 in Brasilien, ist so eine Künstlerin. Als international gefeierte Techno–DJane hat sie sich zwischen Clubkultur und Klangtranszendenz eine ganz eigene Identität erschaffen. Ihre Tracks schleichen sich nicht an die Oberfläche, sondern graben sich ein, stoßen auf Widerstand und füllen die Leere. Wer sie hört, hört mehr als Techno. Man hört das Leben in Wellenform.
Was in einem Nachtclub auf dem Land nahe São Paulo begann – ihr Vater betrieb ihn und sie stand mit 14 hinter den Decks – wurde zu einer Karriere, die sich heute wie eine Spirale zwischen den Polen Ekstase und Einkehr windet. Der Club war ihre Schule. Die Nacht, ihr erstes Studium. Kein Wunder, dass sie das Spannungsfeld von Rhythmus und Ritual früh verinnerlichte. Schon damals zeigte sich: Diese Frau will nicht nur auflegen, sondern Geschichten erzählen. Mit Druck. Mit Tiefe.
DJane ANNA ist eine Grenzgängerin – und sie bleibt es. Zwischen funktionalem Peak-Time-Techno und introspektivem Ambient hat sie sich ein künstlerisches Biotop geschaffen, in dem beides sein darf: laut und licht, erdig und entrückt. Ihre Diskografie liest sich wie ein Wechselspiel der Energien: kraftvolle Clubtracks auf Labels wie Drumcode, Novamute, Domino oder Plus 8, aber auch schwebende Werke wie die Intentions EP auf Mercury KX, in der sie mit Klang als Meditation arbeitet.
Während die Pandemie für viele Stillstand bedeutete, war sie für Anna DJ Transformation. Anstatt eine Pause einzulegen, vertiefte sie sich in die Welt der Frequenzarbeit und erforschte Klang nicht nur als Werkzeug für den Dancefloor, sondern auch als Mittel zur inneren Öffnung. Ihre EP Intentions ist das klingende Zeugnis dieser Reise. Es ist keine Flucht aus dem Club, sondern eine Erweiterung dessen, was elektronische Musik leisten kann: heilen, zentrieren, verbinden.
Mit I See Miracles Everywhere oder Receiving begibt sich DJ Anna in Sphären, in denen Techno nur noch als ferne Erinnerung auftaucht – zurück bleibt ein tiefer, weicher Klangraum. Ihre Musik wurde zu einer Praxis des Hörens, zu einem Soundtrack für Rituale ohne Bühne. Sie wandelt sich – und mit ihr ihr Publikum.
Doch auch der Club bleibt ihr Zuhause. Tracks wie „Hidden Beauties”, „When I Am Only a Dream” oder der gefeierte Kollaborationstrack „Forever Ravers” mit Miss Kittin zeigen: DJ Anna kann den kollektiven Puls fühlen. Ihre Musik ist nie nur Beat, sondern immer auch Botschaft.
Ihr über zwei Jahrzehnte gewachsenes Know-how teilt sie seit 2020 in der Anaweh Studio Masterclass gemeinsam mit ihrem Landsmann Wehbba. Über 10 Stunden tiefgehendes Wissen über Sounddesign, Struktur und Arrangement – kein Hochglanz-Guru-Content, sondern praktische Tiefe, die bereits über 1500 Schüler inspiriert hat. In dieser Zeit hat sie viel erreicht, unter anderem einen BBC Essential Mix, einen Auftritt auf dem Cover des DJ Mag North America, ein live gestreamtes Set für Cercle, das mehr als zwei Millionen Mal angesehen wurde und vieles mehr. Man spürt: Anna ist keine Marke. Sie ist Mentorin, Suchende, Schaffende.
Auch als Remixerin bringt sie ihr feines Gespür für Dramaturgie und Frequenzgestaltung ein. Ob bei Klassikern wie „Belfast” von Orbital, „So Heavy I Fell Through the Earth” von Grimes, „Howler” von Martin Gore oder „Trilogy” von Chris Liebing: DJane Anna lässt diese Tracks nicht in neuen Farben glänzen – sie seziert, destilliert und rekonstruiert sie auf ihre Weise. Ihre Remixe sind kein Selbstzweck, sondern Interpretationen, die mit Respekt und Haltung begegnen.
Anna wurde auf den wichtigsten Festivals der Welt bekannt – von Tomorrowland bis Movement Detroit. Doch während andere auf dem Hype surfen, verfeinert Anna stetig ihren Sound. Ob als Techno-DJ, Klangarchitektin oder Frequenzarbeiterin – sie verbindet körperlichen Druck mit emotionaler Tiefe. Sie ist ein seltenes Beispiel für eine Techno-DJane, die mit gleicher Leidenschaft auf Afterlife-Compilations wie auf Drumcode-EPs brilliert.
Auf der Bühne ist sie eine Naturgewalt. Gigs im legendären Warung, im D-Edge, bei Time Warp Brazil, beim Coachella, bei Awakenings, im DC10 oder bei Rave Rebels Belgium sind keine Abfolgen von Tracks – sie sind akustische Zeremonien. Besonders in Erinnerung bleibt ihr Cercle-Set, live aufgenommen auf einem Steg über türkisblauem Wasser – über zwei Millionen Streams sprechen eine Sprache, die keine Untertitel braucht: magnetisch, geerdet, fließend.
2022 war ein Schlüsseljahr: Mit neuen EPs auf Afterlife, Remixen für Adam Beyer & DJ Rush und einem hypnotisch tiefen Rework von Stephan Bodzins „Isaac” zeigte Anna Techno DJ, dass sie nicht stehen bleibt. Vielmehr scheint sie mit jeder Veröffentlichung dichter an ihren inneren Kern zu rücken und zugleich neue Klangwelten zu erschließen.
Ob auf Ahead of Our Time mit Another Dream, auf Plus 8 mit High Contrast oder auf Afterlife mit Overflow: DJ Anna bleibt in Bewegung. Und diese Bewegung ist nicht hektisch, sondern fokussiert. Nicht ziellos, sondern bewusst.